Saitenwoche

5 Gitarre üben Tipps für Anfänger: So bleibe ich in Woche 2 motiviert

Dienstagabend in Leipzig, es regnet gegen das Wohnzimmerfenster, und ich starre meine Gitarre an wie ein feindliches Objekt. Die Euphorie von Woche 1? Komplett verpufft. Meine Fingerkuppen brennen nicht mehr nur — sie fühlen sich an wie rohes Hackfleisch, und mein Gehirn schreit bei jedem Blick auf den Korpus: 'Lass es einfach sein, Marlene. Du hast es dreimal abgebrochen, ein viertes Mal macht den Kohl auch nicht fett.'

Aber diesmal ist es anders. Ich bin jetzt 12 Tage dabei. Seit dem 20. April ziehe ich das durch. Und ich merke: Woche 2 ist die echte Todeszone. Es ist der Moment, in dem das 'Neue' nicht mehr glänzt, aber das 'Können' noch Lichtjahre entfernt ist. Ich sitze hier mit meinen 360 Minuten gesamter Übungszeit (ja, ich rechne das nach, um mich selbst zu beruhigen!) und frage mich, wie ich die restlichen zwei Wochen überstehe.

Das Tal der Tränen — oder: Warum Woche 2 so wehtut

Rückblick auf den Start vor knapp zwei Wochen: Ich war Feuer und Flamme. Ich hatte diesen Plan für mein 4-Wochen-Experiment geschmiedet und dachte, mit purer Willenskraft werde ich zur Lagerfeuer-Heldin. Jetzt, mitten in der zweiten Woche, ist die Realität eingezogen. Es ist kein schimmerndes Hobby mehr, es ist Arbeit.

Ich merke, wie ich Ausreden erfinde. 'Die Wäsche muss gemacht werden', 'Ich muss noch eine Grafik für einen Kunden fertigstellen' — alles ist plötzlich wichtiger als diese sechs Saiten aus Stahl. Dass Stahlsaiten eine viel höhere Spannung haben als Nylon, wusste ich zwar theoretisch, aber praktisch fühlt es sich an, als würde ich versuchen, auf Drahtseilen zu balancieren. Das tiefe, rote Muster der E-Saite hat sich wie ein kleiner Graben in meine Zeigefingerkuppe gegraben. Es sieht fast aus wie ein Relief meines Scheiterns.

Damit ich nicht — wie die letzten drei Male — einfach das Handtuch werfe, habe ich mir ein paar Strategien zurechtgelegt. Hier sind meine ganz persönlichen 5 Überlebens-Tipps für alle, die gerade kurz davor sind, die Gitarre bei eBay Kleinanzeigen reinzustellen.

1. Der 5-Minuten-Anker (Vergiss die 30-Minuten-Regel!)

Überall liest man: 'Übe mindestens 30 Minuten am Tag.' Ganz ehrlich? In Woche 2 klingt das wie eine Drohung. Wenn ich weiß, dass ich eine halbe Stunde Schmerzen und Frust vor mir habe, fange ich gar nicht erst an. Mein wichtigster Hack: Höre auf, täglich stur 30 Minuten am Stück zu üben.

Ich mache jetzt kurze, über den Tag verteilte Einheiten von nur fünf Minuten. Wenn der Wasserkocher läuft: G-Dur greifen. Wenn ich auf einen Zoom-Call warte: den Wechsel zum D-Dur üben. Diese Mini-Häppchen verhindern, dass der Frustberg zu groß wird. Und das Beste? Oft bleibe ich dann doch hängen und aus den 5 Minuten werden 15. Aber der Einstieg ist viel leichter.

2. Visualisiere den Fortschritt (Meine Pinnwand im Büro)

Als Grafikerin brauche ich was fürs Auge. Ich habe mir eine Erfolgskontrolle an meine Pinnwand im Büro gehängt. Jeden Tag, an dem ich die Gitarre auch nur kurz berührt habe, gibt es ein fettes, buntes Kreuz. Inzwischen stehen da 12 Kreuze. Wenn ich jetzt aufhöre, mache ich diese schöne Reihe kaputt. Das klingt banal, aber mein innerer Monk lässt das nicht zu.

Ich sehe dort schwarz auf weiß: 4 gelernte Akkorde (G-Dur, C-Dur, D-Dur und Em). Das ist die Basis für meinen Song. Wenn ich sie dort stehen sehe, wirken sie nicht mehr wie unbezwingbare Monster, sondern wie Werkzeuge, die ich langsam in den Griff kriege.

3. Technik-Check gegen den Krampf

In Woche 2 neigt man dazu, Dinge mit Gewalt erzwingen zu wollen. Ich kenne das: Ich drücke die Saiten so fest, dass meine Knöchel weiß werden. Das Ergebnis? Dieser spezifische Krampf im Daumenballen, wenn ich versuche, den C-Dur-Akkord mit Gewalt statt mit Technik zu erzwingen.

Mein Tipp: Atmen. Lockerlassen. Ich habe gemerkt, dass der Sound oft sogar besser wird, wenn ich den Druck reduziere. Schon in Woche 1 taten mir die Finger weh, aber jetzt lerne ich langsam, dass es nicht um Kraft geht, sondern um den richtigen Winkel. Ein kleiner Sieg: Gestern hat der Wechsel von G-Dur zu D-Dur zum ersten Mal geklappt, ohne dass ich wie gebannt auf meine linke Hand starren musste. Ein kurzes Aufleuchten von echtem Sound statt nur Schnarren. GÄNSEHAUT!

4. Die Hornhaut-Huldigung

Man muss seinen Fingern auch mal was verzeihen. Ich habe bisher 3 verschlissene Pflaster verbraucht — eines pro Fingerkuppe nach der ersten richtig intensiven Session. Inzwischen lasse ich sie weg, damit sich die Hornhaut bilden kann. Man sagt, das dauert 2 bis 4 Wochen. Ich bin also fast am Ziel!

Wenn es zu sehr brennt: Pause machen. Es bringt nichts, sich blutig zu spielen. Aber bleib dran. Die Finger gewöhnen sich dran, auch wenn sie sich gerade anfühlen, als gehörten sie nicht mehr zu meinem Körper.

5. Den 'Warum'-Zettel lesen

Ich habe mir einen Zettel an den Gitarrenständer geklebt. Da steht nur: 'Weil du es diesmal zu Ende bringst.' Das ist mein Schutzschild gegen die 'Marlene-gibt-immer-auf'-Stimme in meinem Kopf. Motivation ist kein Dauerzustand, sondern Handwerk.

Ob ich nach 14 Tagen wirklich meinen Song spielen kann? Ich habe dazu schon mal meine Erfahrungen nach dem 14-Tage-Test aufgeschrieben, und auch wenn es gerade hakt, bleibe ich optimistisch.

Ich bin vielleicht noch keine Musikerin. Ganz sicher nicht. Aber ich bin heute keine Aufgeberin. Und das ist für Woche 2 schon ein verdammt großer Erfolg. Jetzt nehme ich sie mir nochmal vor — nur für fünf Minuten. Versprochen.

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